Ein neuer Trend mit Schattenseiten
Immer mehr Unternehmen testen sogenannte Browser-Agents – kleine KI-Programme, die im Internet selbstständig agieren. Sie lesen Webseiten, füllen Formulare aus, suchen nach Informationen und treffen Entscheidungen.
Das bekannteste Beispiel ist ChatGPT mit Browsing-Funktion:
Man gibt eine Aufgabe ein, und die KI besucht Webseiten, um die Antwort dort zu finden.
Auch Mistral arbeitet an Agenten-Ansätzen, die ähnlich funktionieren. Sie sind weniger bekannt, aber technisch bereits in der Lage, Webinhalte zu lesen und mit Schnittstellen zu interagieren.
Diese neue Form von Automatisierung eröffnet spannende Möglichkeiten – doch sie birgt auch erhebliche Risiken.
Denn: Ein Browser-Agent weiß nicht, ob eine Webseite vertrauenswürdig ist oder nicht. Er folgt einfach Befehlen.
Forscher des Browserherstellers Brave haben gezeigt, wie gefährlich das sein kann:
Ein harmlos wirkender Reddit-Post mit verstecktem Code reichte aus, um den Comet-Browser-Agent dazu zu bringen, E-Mails zu öffnen und Inhalte weiterzugeben – ohne Wissen des Nutzers.
Ein einziger unsichtbarer Befehl genügte.
Solche Angriffe nennt man Prompt Injection.
Sie zeigen, dass Browser-Agents noch keine „digitale Intuition“ haben – und genau das macht sie zum Risiko für Unternehmen und Verwaltungen.
Was Browser-Agents überhaupt können
Ein Browser-Agent funktioniert im Grunde wie ein digitaler Mitarbeiter:
Er besucht Webseiten, sammelt Informationen, führt Aktionen aus – und kann sogar Entscheidungen treffen, etwa bei Preisvergleichen oder Bestellungen.
Der Unterschied zu klassischen KI-Systemen liegt darin, dass der Agent nicht nur Texte generiert, sondern handelt. Er klickt, lädt, schreibt und liest – und das macht ihn gleichzeitig mächtig und gefährlich.
Diese Fähigkeit kann Unternehmen enorm entlasten, wenn sie richtig eingesetzt wird.
Doch sobald der Agent Zugriff auf vertrauliche Daten oder Systeme erhält, entstehen Risiken, die herkömmliche Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr abdecken.
Risiken in der Praxis
Die Sicherheitslage ist eindeutig:
- Laut LayerX Security (2025) ist der KI-Browser Comet bis zu 85 % anfälliger für Phishing-Angriffe als Chrome.
- In einer ArXiv-Studie („EchoLeak“, 2025) wurde demonstriert, dass ein Angriff ohne Nutzerinteraktion sensible Unternehmensdaten abgreifen konnte.
Diese Vorfälle zeigen: Browser-Agents sind leistungsstark, aber naiv.
Sie erkennen keine Täuschung, sie haben kein Bauchgefühl.
Was in der klassischen IT durch Authentifizierung und Firewalls geschützt wird, ist hier oft eine offene Tür mit digitalem Lächeln.
Warum Europa hier einen Vorteil hat
Europa steht oft im Ruf, durch Datenschutz und Regulierung Innovation zu bremsen.
Doch im Fall der Browser-Agents könnte genau das zum entscheidenden Standortvorteil werden.
Vertrauen statt Risiko
Mit DSGVO und dem EU AI Act entsteht ein Rahmen, der Unternehmen dazu zwingt, ihre Systeme transparent, sicher und nachvollziehbar zu gestalten.
Was anderswo als Pflicht empfunden wird, kann in Europa zum Gütesiegel werden.
Sicherheit als Verkaufsargument
Ein Unternehmen, das sagen kann „Unser Agent speichert keine Daten außerhalb der EU“ oder „Jede Aktion ist nachvollziehbar dokumentiert“, wird langfristig gewinnen – weil Vertrauen die härteste Währung im digitalen Zeitalter ist.
Regulierung schafft Wettbewerbsvorteil
Während internationale Märkte noch über Sicherheitsstandards diskutieren, kann Europa sie bereits umsetzen. Unternehmen, die jetzt sichere, regelkonforme Lösungen entwickeln, sind den globalen Playern einen Schritt voraus.
Chancen für Europa – greifbar gemacht
Die Risiken zeigen, wo Europas Wirtschaft wachsen kann.
Hier zwei Beispiele, wie die Technologie aussehen könnte, wenn sie nach europäischen Prinzipien – also sicher, nachvollziehbar und datensparsam – entwickelt wird.
Beispiel 1: Der smarte Handelsagent im E-Commerce
Stell dir einen österreichischen Onlinehändler vor, nennen wir ihn Greenshop24.
Er verkauft nachhaltige Produkte und kämpft mit einer Flut an Bewertungen, Preisvergleichen und Lieferantenanfragen.
Ein Browser-Agent hilft, den Überblick zu behalten.
Er liest täglich öffentliche Rezensionen, fasst Trends zusammen und erkennt, wenn sich Beschwerden häufen – etwa über Verpackungsqualität oder Lieferzeiten.
Er darf nicht auf Kundendaten oder Zahlungsseiten zugreifen, sondern arbeitet nur mit öffentlichen Informationen.
Abends erstellt er einen Bericht:
„Heute 237 neue Bewertungen, 82 % positiv. Häufigste Kritik: Lieferzeit Produktlinie A. Vorschlag: Partnerdienst B prüfen, 20 % schnellere Zustellung.“
Das Marketing-Team reagiert sofort – und das völlig datenschutzkonform.
Kund:innen profitieren durch kürzere Lieferzeiten, das Unternehmen durch weniger Retouren.
Der Clou: Greenshop24 kann offen kommunizieren, dass seine KI-Agenten nach EU-Datenschutzrichtlinien zertifiziert sind.
Datenschutz wird hier nicht zum Hemmschuh, sondern zum Vertrauensmerkmal.
Beispiel 2: Der Förder-Scout für die öffentliche Hand
In einer Stadt wie Wien durchsucht eine Verwaltungsmitarbeiterin regelmäßig Dutzende Seiten nach EU- oder Landesförderungen. Eine Aufgabe, die viel Zeit kostet – und bei der man leicht Fristen verpasst.
Ein Browser-Agent könnte das übernehmen:
Er beobachtet Webseiten der Ministerien, Länder und EU-Kommission und erstellt einmal pro Woche eine Übersicht mit relevanten Programmen:
„Neue Ausschreibung: EU-Förderprogramm Green Cities 2026. Förderquote 40 %. Deadline 30. April. Passend für Stadtbegrünung und Radwegeausbau.“
Der Agent darf keine Bürgerdaten sehen, keine Dokumente hochladen, keine Anträge abschicken.
Er informiert – mehr nicht.
Das Ergebnis: Die Stadtverwaltung erkennt Chancen früher, reagiert schneller und kann ihre Fördermittel effizienter nutzen. Alle Quellen sind dokumentiert, jede Empfehlung nachvollziehbar.
Das ist digitale Unterstützung im besten Sinn des Wortes: menschlich kontrolliert, rechtssicher, hilfreich.




