Europa will beim Thema Künstliche Intelligenz endlich aufholen. Dazu hat die EU Anfang 2025 den AI Continent Action Plan vorgestellt – einen ehrgeizigen Fahrplan, der die Entwicklung und Nutzung von KI in Europa langfristig stärken soll.
Im Zentrum stehen dabei drei neue Strukturen: AI Factories, AI Gigafactories und AI Factory Antennen. Sie sollen gemeinsam dafür sorgen, dass Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Verwaltungen in der EU auf modernste Rechenleistung, Datenräume und Fachwissen zugreifen können – ohne auf außereuropäische Anbieter angewiesen zu sein.
„Europa ist bereits führend mit dem EU-KI-Gesetz, das sicherstellt, dass KI sicherer und vertrauenswürdiger ist. Jetzt muss Europa auch zu einem globalen Führer in der KI-Innovation werden. Die KI-Fabriken werden uns helfen, unsere Position an der Spitze dieser transformativen Technologie zu sichern.“
Ursula von der Leyen
Der Plan ist Teil der Digitalen Strategie Europas und zielt darauf ab, Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit in der KI-Branche zu sichern.
Doch was bedeutet das konkret – und wo liegen Chancen und Risiken?
AI-Factories, Antennen und Gigafactories – wie sie zusammenhängen
AI-Factories sind die Grundpfeiler: Orte, an denen Forschung, Start-ups und Unternehmen Zugang zu Rechenleistung, Daten und Know-how erhalten. Sie sind gewissermaßen die Werkstätten der europäischen KI – offen, kollaborativ und darauf ausgelegt, Innovation zu fördern. Hier sollen kleine wie große Projekte starten können, unterstützt durch Schulungen, Datenräume und Beratungsangebote.
AI-Factory Antennen erweitern diese Struktur regional. Sie sollen den Zugang zu den Factories vereinfachen, etwa über Universitäten, Innovationszentren oder regionale Partnernetzwerke. Damit sollen nicht nur große Städte profitieren, sondern auch kleinere Regionen, in denen oft starke, aber wenig vernetzte Innovationskraft steckt. Die Antennen wirken also wie Verteilerpunkte, die den Nutzen der AI-Factories „in die Fläche“ bringen.
Die AI-Gigafactories sind schließlich die Hochleistungszentren des Systems. Während Factories und Antennen auf breite Nutzung ausgelegt sind, fokussieren sich die Gigafactories auf extreme Rechenlasten – etwa das Training großer Sprach- und Multimodalmodelle. Hier entstehen die „Kraftwerke“ der europäischen KI mit zehntausenden spezialisierten Chips und modernsten Datenverbindungen.
Finanzierung und Fahrplan
Die EU koppelt das Vorhaben an Programme wie InvestAI, Digital Europe und Horizon Europe. Kommuniziert wurden rund 20 Milliarden Euro für die Gigafactory-Phase – eine Mischung aus öffentlichem und privatem Kapital. Ein offizieller Call zur Umsetzung ist angekündigt. Es geht also um mehr als nur Technik: Europa will eine digitale Souveränität aufbauen, die mit den großen Tech-Playern mithalten kann – sowohl wirtschaftlich als auch politisch.
Was bisher passiert ist
Das Interesse ist groß: 76 Bewerbungen aus 16 Mitgliedsstaaten sind für die Gigafactory-Initiative eingegangen. Städte und Regionen positionieren sich aktiv, um ein Stück vom Zukunftskuchen zu bekommen. Für die kleineren AI-Factories liegt der Zielkorridor bei rund einem Dutzend Standorten bis 2026. Viele davon entstehen an bestehenden EuroHPC-Standorten, wo bereits Supercomputer im Einsatz sind.
Allerdings dauert es, bis daraus echte Rechenzentren werden: Chips, Energie und Fachkräfte sind knapp. Selbst mit ehrgeizigen Zeitplänen werden die ersten Projekte frühestens 2026 oder 2027 in Vollbetrieb gehen.
Die Vorteile sind offensichtlich – auf dem Papier
Der Plan ist Teil der Digitalen Strategie Europas. Die AI-Factories und Gigafactories sollen gemeinsam vier Dinge ermöglichen:
1. Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit:
Europa will unabhängiger werden – weg von US-Cloudanbietern, hin zu eigener Compute-Kapazität. Das ist besonders wichtig für sensible Bereiche wie Verwaltung, Gesundheit und Industrie. Wenn Daten und Modelle innerhalb Europas bleiben, steigt nicht nur die Sicherheit, sondern auch das Vertrauen.
2. Breiteren Zugang schaffen:
Die AI-Factories sollen Einstiegshürden senken – besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Neben Rechenleistung sollen sie Schulungen, Support-Services und offene Datenräume anbieten. Damit KI nicht nur an Universitäten oder in Konzernen entsteht, sondern auch in Start-ups und regionalen Betrieben.
3. Skalierung für Frontier-Modelle:
Die Gigafactories sind dafür gedacht, große Sprachmodelle oder Domänen-KIs in Europa zu trainieren – mehrsprachig, rechtssicher und auf europäische Werte abgestimmt. Damit könnten künftig KI-Systeme entstehen, die europäische Sprachen und rechtliche Rahmenbedingungen besser verstehen als ihre US-Pendants.
4. Talente und Ökosysteme fördern:
Solche Infrastrukturprojekte haben eine magnetische Wirkung: Fachkräfte, Forschungsinstitute und Spin-offs siedeln sich in der Nähe an. Ganze Regionen könnten zu KI-Clustern werden – mit neuen Arbeitsplätzen und internationaler Sichtbarkeit.
„Mit den KI-Fabriken nutzen wir eines von Europas größten Assets: unsere Weltklasse-Supercomputer. Sie werden zu One-Stop-Shops für europäische KI-Start-ups, um die fortschrittlichsten Modelle und Anwendungen zu entwickeln. Das macht Europa zum besten Ort für vertrauenswürdige KI.“
Thierry Breton
Die Kehrseite der Medaille
Doch wo Vorteile sind, sind auch Nachteile.
Der Energiebedarf solcher Anlagen ist enorm. Gigafactories verbrauchen so viel Strom wie mittlere Städte – und das dauerhaft. Wenn sie nicht konsequent auf erneuerbare Energie setzen, laufen sie Gefahr, die eigenen Nachhaltigkeitsziele zu untergraben.
Auch die Abhängigkeit von Chiplieferanten bleibt ein Problem: GPUs sind teuer und weltweit knapp. Selbst mit Milliardenförderungen kann Europa hier kurzfristig nicht autark werden.
Ein weiteres Risiko liegt im Zugang: Wenn die Nutzung der AI-Factories zu kompliziert oder teuer wird, bleiben kleine Akteure außen vor. Dann wäre das Versprechen „Zugang für alle“ schnell Geschichte. Und schließlich besteht die Gefahr, dass Europa wieder zu kleinteilig denkt – 15 unterschiedliche Factories bringen wenig, wenn sie nicht interoperabel sind.




